Artikel entnommen aus der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (2009)

Pro: "Schutz vor schwerem Verlauf"

von Dr. Udo Buchholz (Influenza Experte am RKI, der zentralen Einrichtung des Bundesgesundheitsministerium zur Überwachung und Vorbeugung von Infektionskrankheiten)

Es ist unstrittig, dass ältere Menschen durch die Virusgrippe besonders gefährdet sind. Daher empfiehlt die Ständige Impfkommisssion am Robert-Koch-Koch-Institut die jährliche Schutzimpfung für jeden über 60 und für chronisch Kranke. Auch die Weltgesundheitsorganisation und die europäische Seuchenbehörde in Stockholm empfehlen die Influenzaschutzimpfung.
In den letzten Jahren zeigten mehrere neue Studien, dasss diese Impfung ältere Menschen in geringerem Maße schützt als früher gedacht. Dies liegt vor allem daran, dass der so genannte "healthy user-Effekt" in vielen früheren Studien nicht ausreichend berücksichtigt werden konnte. Es gibt jedoch auch Verzerrungen in die andere Richtung, wenn vorwiegend Personen mit Vorerkrankungen geimpft werden. Daher müssen für die Berechnungen der Wirksamkeit die bekannten Vorerkrankungen und der sogenannte funktionelle Status, zum Beispiel die Mobilität oder Hilfsbedürftigkeit berücksichtigt werden. Das erfordert jedoch aufwendigere Studien, die inzwischen zunehmend durchgeführt werden und zur Veröffentlichung gelangen. Unter Würdigung der neuesten Studien kam die europäische Seuchenbehörde in Stockholm kürzlich zum Schluss, dass positive Effekte der Wirksamkeit des Impfstoffes in der älteren Bevölkerung regelmäßig beobachtet werden und die Impfung ältere Personen immer noch deutlich gegen schwere Verhläufe einer Grippe-Erkrankung schützt. Unter der eher vorsichtigen Annahme eines 30 %igen Schutzes vor einer Erkrankung mit tödlichem Verlauf haben Schätzungen des Robert Koch-Instituts ergeben, dass in den Wintern von 2001/20002 bis 2006/2007 rund 2100 Tote verhindert worden wären, wenn die Impfquote bei 75 % gelegen hätte. Das Ziel der Weltgesundheitsorganissation ist eine 75 %ige Impfrate in der älteren Bevölkerung bis 2010. Derzeit liegt sie in Deutschland aber nur bei etwa 50 %, bei den chronisch Kranken noch niedriger. Eine gesteigerte Wirkung des Impfstoffes wäre wünschenswer, und es gibt berechtigte Hoffnung, dass der Einsatz von Zusatzstoffen, so genannten Adjuvantien, bei zukünftigen Impfstoffen das Immunsystem der Senioren unterstützen und damit den Schutzeffekt steigern kann. Die Influenza-Impfstoffe sind sicher, schwere Nebenwirkungen sind extrem selten. Alles andere wäre angesichts der vielen Millionen Menschen, die jedes Jahr alleine in Deutschland geimpft werden, längst aufgefallen. Was die Schwangeren betrifft: Nach den Empfehlungen der Ständigen Impfkommisision ist die Grippeimpfung für Schwangere "nicht grundesätzlich angeraten", kann im Einzelfall jedoch sinnvoll sein und sollte mit dem Arzt des Vertrauens besprochen werden.

Contra: "Wie Staubsaugervertreter"

von Dr. Tom Jefferson (britischer Epidemiologe der angesehenen Cochrane Collaboration, wertete mit seiner Arbeitsgruppe sämtliche Daten zur Sicherheit und Wirksamkeit der Grippe-Impfung aus)

Impf-Empfehlungen sollten auf der Basis guter wissenschaftlicher Evidenz getroffen werden. Bei Grippe-Impfungen sind wir leider weit davon entfernt. Wir können nicht mit Sicherheit sagen, ob es quer durch die Bevölkerung Sinn macht, sich impfen zu lassen, ob die Impfung nützt oder ob sie sogar schadet.
Am schlechtesten sieht die Bilanz für ältere Personen und Kinder bis zwei Jahren aus: Hier ist die Evidenz entweder nicht vorhanden oder von so schlechter Qualität, dass völlig absurde Resultate rauskommen. Viele dieser Studien zeigen beispielsweise, dass die Grippeimpfung nicht vor Grippe schützt und trotzdem das Sterberisiko bei älteren Menschen um mehr als 50 % reduziert. Das würde bedeuten, dass die Impfung  vor Diabetes, Schlaganfall, Herzinfarkt und sogar vor Verkehrsunfällen schützt, was natürlich kompletter Unsinn ist.
Die Ursache für diese methodischen Fehler zieht sich durch viele Arbeiten und ist schlicht darin begründet, dass sich gesundheitsbewusste Menschen häufiger gegen Grippe impfen lassen. Wenn ich diese Leute dann mit einer ungeimpften Kontrollgruppe von schlechteter Gesundheit vergleiche, so ist es kein Wunder, dass der Effekt der Impfung überschätzt wird. Das liegt zum einen daran, dass die Forschung vorwiegend den Impstoff-Hersteller überlassen wird, die natürlich für ihre Produkte werden wollen. Es wäre aber zu einfach, nur die Industrie für die schlechte Datenlage verantwortlich zu machen. Denn die Behörden tun nichts um die Situation zu klären. Nicht mal die Sicherheit der Impfstoffe ist geklärt. Die vorhandenen Studien hatten eine zu kurze Laufzeit und zu wenige Teilnehmer, um auch seltenere Schäden zu erfassen.
Das Robert-Koch-Institut schreibt zur Frage, ob Schwangere geimpft werden sollen beispielweise Folgendes: "Zur Influenza-Impfung in der Schwangerschaft wird seitens der pharmaeztischen Unternehmen darauf verwiesen, dass gezielte Studien zur Sicherheit der Impfung bei Schangeren fehlen, Schäden aber nicht bekannt sind, die Impfung ist daher nicht kontraindiziert." Man weiß also nichts, empfhiehlt die Impfung aber trotzdem. Leute, die solche Richtlinien herausgeben, sollten schnellstens von ihren Posten entfernt werden. Derzeit beraten die meisten Influenza-Impfexperten die Bevölkerung so wie Staubsaugervertreter, die ihre Ware loswerden wollen.